Das Wichtigste in Kürze
- Trauma verändert nicht die DNA-Sequenz, kann aber epigenetische Markierungen an Genen des Stresssystems verschieben.
- Am besten untersucht sind die Gene NR3C1 (Rezeptor für das Stresshormon Cortisol) und FKBP5 (ein Regler der Stressantwort).
- Belastende Kindheitserfahrungen hängen in einer Meta-Analyse mit einem leicht erhöhten epigenetischen Alter zusammen. Der Effekt ist klein.
- Dass Trauma beim Menschen über Generationen epigenetisch vererbt wird, ist nicht bewiesen. Überzeugende Belege gibt es bisher vor allem aus Tierversuchen.
- Epigenetische Markierungen sind veränderbar: In einer Pilotstudie gingen sie bei Menschen, denen eine Traumatherapie half, zurück.
Was hat Epigenetik mit Trauma zu tun?
Ein Trauma verändert nicht deinen genetischen Bauplan. Die Buchstaben deiner DNA bleiben dieselben. Was sich verändern kann, ist die Art, wie bestimmte Gene abgelesen werden. Genau damit beschäftigt sich die Epigenetik: mit chemischen Markierungen wie der DNA-Methylierung, die Gene lauter oder leiser stellen.
Für das Thema Trauma sind vor allem die Gene des Stresssystems interessant. Sie steuern die sogenannte Stressachse zwischen Gehirn und Nebennieren. Bei Gefahr schüttet sie das Stresshormon Cortisol aus. Danach sorgt eine Art Bremse dafür, dass der Cortisolspiegel wieder sinkt. Diese Bremse funktioniert über Rezeptoren, an die Cortisol andockt. Wenn sich an den Genen für diese Rezeptoren und ihre Regler etwas verschiebt, kann die Stressreaktion stärker oder länger ausfallen.
Welche Gene verändert Trauma?
Zwei Gene stehen im Mittelpunkt der Forschung:
- NR3C1 enthält den Bauplan für den Glukokortikoid-Rezeptor, also die Andockstelle für Cortisol. Eine Untersuchung von Gehirngewebe verstorbener Menschen fand bei denjenigen, die in der Kindheit missbraucht worden waren, eine stärkere Methylierung dieses Gens und weniger Rezeptoren im Hippocampus. Tierversuche hatten zuvor gezeigt, dass mütterliche Fürsorge bei Ratten genau diese Stelle prägt.
- FKBP5 reguliert, wie empfindlich der Rezeptor auf Cortisol reagiert. Eine viel beachtete Studie zeigte: Menschen mit einer bestimmten Genvariante, die in der Kindheit Traumata erlebt hatten, wiesen an FKBP5 eine verringerte Methylierung auf. Das ging mit einer veränderten Stressantwort und einem höheren Risiko für Traumafolgestörungen einher. Wie Cortisol im Alltag wirkt und was es senkt, liest du in Cortisol senken.
Das zweite Beispiel zeigt etwas Wichtiges: Gene und Umwelt wirken zusammen. Die gleiche Belastung hinterlässt nicht bei allen Menschen die gleichen Spuren. Mehr über das Zusammenspiel liest du in Das Gedächtnis unserer Gene.
Altert man durch Trauma schneller?
Mit epigenetischen Uhren lässt sich aus Methylierungsmustern ein biologisches Alter schätzen. Eine Studie mit Erwachsenen aus einer belasteten Großstadtregion fand: Je mehr Stress Menschen im Laufe ihres Lebens erlebt hatten, desto älter wirkten ihre Zellen epigenetisch. Beteiligt waren auffällig viele Stellen, die auf Cortisol reagieren.
Eine Meta-Analyse aus neun Kohorten mit zusammen 2.186 Menschen bestätigte einen Zusammenhang, aber einen kleinen: Belastende Kindheitserfahrungen und die Schwere einer posttraumatischen Belastungsstörung gingen mit einem leicht erhöhten epigenetischen Alter einher. Die Diagnose allein zeigte keinen Zusammenhang.
| Befund | Art der Studie | Aussagekraft |
|---|---|---|
| Mehr Methylierung an NR3C1 nach Missbrauch in der Kindheit | Gewebe Verstorbener, kleine Gruppe | Hinweis |
| Weniger Methylierung an FKBP5 bei Trauma und Risikovariante | Beobachtung, mehrere Gruppen | mittel |
| Leicht beschleunigte epigenetische Alterung | Meta-Analyse, 2.186 Menschen | mittel, kleiner Effekt |
Wird Trauma an die nächste Generation weitergegeben?
Diese Frage bewegt viele, besonders Kinder und Enkel von Menschen, die Krieg, Flucht oder Gewalt erlebt haben. Psychologisch ist gut beschrieben, dass die Folgen eines Traumas in Familien weiterwirken. Ob dabei auch eine biologische, epigenetische Spur weitergegeben wird, ist viel unsicherer.
Was Studien am Menschen zeigen: Eine Untersuchung von Holocaust-Überlebenden und ihren erwachsenen Kindern fand Unterschiede in der Methylierung von FKBP5 bei Eltern und Kindern. Die Studie war klein, und sie kann nicht trennen, ob die Unterschiede über Keimzellen, die Zeit im Mutterleib oder das Aufwachsen in der Familie entstanden sind. Ähnlich ist es beim Hungerwinter in den Niederlanden 1944/45: Menschen, deren Mütter in der Schwangerschaft hungerten, zeigten sechs Jahrzehnte später veränderte Methylierungsmuster. Sie waren aber selbst schon als Ungeborene betroffen.
Was Tierversuche zeigen: Mäuse lernten, einen bestimmten Geruch zu fürchten. Ihre Nachkommen reagierten auf genau diesen Geruch empfindlicher, auch die Enkelgeneration, obwohl sie ihn nie kennengelernt hatten. Im Sperma der Väter war das passende Riechrezeptor-Gen weniger methyliert. Weil die Forschenden auch künstliche Befruchtung und Pflegeeltern einsetzten, spricht viel für eine Weitergabe über die Keimzellen. Allerdings eben bei Mäusen.
Warum es beim Menschen so schwer zu beweisen ist: Ein Großteil der epigenetischen Markierungen wird in den Keimzellen und im frühen Embryo gelöscht und neu gesetzt, wie du in Epigenetische Vererbung nachlesen kannst. Außerdem teilen Familien nicht nur Gene, sondern auch Umfeld, Gewohnheiten und Geschichten. Ein Humangenetiker hat diese Hürden 2018 in einer kritischen Übersicht zusammengefasst: Für eine echte epigenetische Vererbung über mehrere Generationen gibt es beim Menschen bislang keinen schlüssigen Beweis. Wie stark die Belege insgesamt sind, liest du in Ist die Epigenetik bewiesen?.
Sind die Veränderungen dauerhaft?
Hier wird die Epigenetik ermutigend. Epigenetische Markierungen sind kein Brandzeichen, sondern beweglich. In einer Pilotstudie erhielten Veteranen mit posttraumatischer Belastungsstörung eine Expositionstherapie. Bei denen, die danach keine Diagnose mehr erfüllten, nahm die Methylierung von FKBP5 ab. Die Methylierung von NR3C1 vor Beginn der Therapie sagte sogar voraus, wer profitieren würde.
Die Studie umfasste nur 16 Teilnehmer, die Ergebnisse sind also vorläufig. Sie passen aber zu dem, was wir aus anderen Bereichen wissen: Bewegung, Schlaf und Stressregulation verändern epigenetische Muster messbar. Welche Hebel du im Alltag hast, liest du in Wie kann ich meine Gene beeinflussen?.
Was bedeutet das für dich?
- Trauma ist kein genetisches Schicksal. Die Epigenetik erklärt, warum Belastungen körperlich nachwirken können. Sie erklärt nicht, dass es so bleiben muss.
- Niemand ist schuld an epigenetischen Spuren. Weder du noch deine Eltern. Die Forschung beschreibt Mechanismen, keine Verantwortung.
- Es gibt keinen Trauma-Test. Kein epigenetischer Test kann ein Trauma oder seine Folgen erkennen.
- Wirksame Hilfe gibt es. Traumafokussierte Psychotherapie ist gut untersucht. Ergänzend stärken verlässliche Beziehungen, Bewegung, ausreichend Schlaf und Entspannungstechniken dein Stresssystem.
Wenn dich alte Erfahrungen heute noch belasten, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychotherapeutischen Praxis mit Traumaschwerpunkt. Über die Terminservicestelle unter 116 117 bekommst du einen Termin für ein psychotherapeutisches Erstgespräch. In einer akuten Krise erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Fazit
Traumatische Erfahrungen können Spuren an Genen des Stresssystems hinterlassen, vor allem an NR3C1 und FKBP5. Diese Spuren hängen mit einer veränderten Stressreaktion und einer leicht beschleunigten biologischen Alterung zusammen. Dass sie beim Menschen über Generationen vererbt werden, ist dagegen nicht bewiesen. Am wichtigsten ist die gute Nachricht: Epigenetische Markierungen sind veränderbar, und erste Studien deuten darauf hin, dass Heilung auch auf dieser Ebene sichtbar werden kann.
Häufige Fragen
Kann ein Trauma meine Gene verändern?
Deine DNA-Sequenz bleibt gleich. Studien zeigen aber, dass schwere Belastungen, besonders in der Kindheit, epigenetische Markierungen an Genen des Stresssystems verändern können. Dadurch kann sich verändern, wie stark und wie lange dein Körper auf Stress reagiert.
Wird Trauma an die Kinder vererbt?
Kinder traumatisierter Eltern haben häufiger psychische Belastungen. Das kann viele Gründe haben: Erziehung, Familienklima, gemeinsame Gene und die Zeit im Mutterleib. Dass eine echte epigenetische Vererbung über die Keimzellen dazu beiträgt, ist beim Menschen bisher nicht belegt.
Was ist transgenerationales Trauma?
Der Begriff beschreibt, dass die Folgen eines Traumas in den nächsten Generationen spürbar bleiben. Psychologisch ist das gut beschrieben. Ob dabei auch biologische, epigenetische Spuren eine Rolle spielen, wird erforscht, ist beim Menschen aber noch offen.
Kann Therapie epigenetische Spuren rückgängig machen?
Erste Hinweise sprechen dafür. In einer kleinen Studie mit Veteranen veränderte sich die Methylierung des Stress-Gens FKBP5 bei denen, die von einer Traumatherapie profitierten. Die Ergebnisse müssen in größeren Studien bestätigt werden.
Kann ein epigenetischer Test ein Trauma nachweisen?
Nein. Es gibt keinen Test, der ein Trauma oder eine Traumafolgestörung aus Blut oder Speichel erkennt. Die Diagnose stellen Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Gespräch.
Wo finde ich Hilfe, wenn mich ein Trauma belastet?
Erste Ansprechpartner sind deine Hausarztpraxis und psychotherapeutische Praxen mit Traumaschwerpunkt. Über die Terminservicestelle 116 117 bekommst du ein psychotherapeutisches Erstgespräch. In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Quellen
- McGowan P. O. et al. (2009): Epigenetic regulation of the glucocorticoid receptor in human brain associates with childhood abuse. Nature Neuroscience 12(3): 342–348. doi:10.1038/nn.2270
- Klengel T. et al. (2013): Allele-specific FKBP5 DNA demethylation mediates gene–childhood trauma interactions. Nature Neuroscience 16(1): 33–41. doi:10.1038/nn.3275
- Zannas A. S. et al. (2015): Lifetime stress accelerates epigenetic aging in an urban, African American cohort: relevance of glucocorticoid signaling. Genome Biology 16: 266. doi:10.1186/s13059-015-0828-5
- Wolf E. J. et al. (2018): Traumatic stress and accelerated DNA methylation age: A meta-analysis. Psychoneuroendocrinology 92: 123–134. doi:10.1016/j.psyneuen.2017.12.007
- Yehuda R. et al. (2016): Holocaust exposure induced intergenerational effects on FKBP5 methylation. Biological Psychiatry 80(5): 372–380. doi:10.1016/j.biopsych.2015.08.005
- Dias B. G., Ressler K. J. (2014): Parental olfactory experience influences behavior and neural structure in subsequent generations. Nature Neuroscience 17(1): 89–96. doi:10.1038/nn.3594
- Heijmans B. T. et al. (2008): Persistent epigenetic differences associated with prenatal exposure to famine in humans. PNAS 105(44): 17046–17049. doi:10.1073/pnas.0806560105
- Horsthemke B. (2018): A critical view on transgenerational epigenetic inheritance in humans. Nature Communications 9: 2973. doi:10.1038/s41467-018-05445-5
- Yehuda R. et al. (2013): Epigenetic biomarkers as predictors and correlates of symptom improvement following psychotherapy in combat veterans with PTSD. Frontiers in Psychiatry 4: 118. doi:10.3389/fpsyt.2013.00118
Fachlich geprüft von Alice Werner am . Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Sprich bei Beschwerden oder vor größeren Veränderungen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.



