Ernährung & Gene

Abnehmspritze und Epigenetik: Was nach dem Absetzen passiert

Die Abnehmspritze hat das Abnehmen verändert. In Studien verloren Menschen im Schnitt rund 15 Prozent ihres Körpergewichts. Doch was passiert, wenn man sie absetzt? Hier liest du, was die großen Studien zeigen, welche Rolle das epigenetische Gedächtnis der Fettzellen spielt und wie du Muskeln und Erfolg schützt.

7 Min. LesezeitAktualisiert: 10 Studienquellen
Fachlich geprüft von Alice Werner, Staatlich geprüfte Physiotherapeutin, Ernährungsberaterin und Mentaltrainerin.
Quellen: Wilding 2021, Wilding 2022, Rubino 2021, Lundgren 2021 u. a. – alle 10 Studien ansehenFragen? WhatsApp Live-Chat · info@alicewerner.de
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Das Wichtigste in Kürze

  • In der großen STEP-1-Studie verloren Menschen mit der Abnehmspritze über 68 Wochen im Schnitt 15,3 Kilogramm, mit Placebo 2,6 Kilogramm.
  • Ein Jahr nach dem Absetzen hatten die Teilnehmenden rund zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zugenommen.
  • Ein möglicher Grund: Fettzellen behalten ein epigenetisches Gedächtnis an früheres Übergewicht, das eine Wiederzunahme begünstigen kann.
  • Ein Teil des verlorenen Gewichts ist fettfreie Masse, zu der auch Muskeln zählen. Krafttraining und ausreichend Eiweiß helfen, sie zu schützen.
  • Die Kombination aus Medikament und Training hielt das Gewicht in einer Studie am besten und verbesserte als einzige Fitness und Blutzucker.

Was ist die Abnehmspritze?

Mit „Abnehmspritze“ sind Medikamente gemeint, die das Darmhormon GLP-1 nachahmen, manche zusätzlich ein zweites Darmhormon namens GIP. Bekannt sind vor allem die Wirkstoffe Semaglutid und Tirzepatid. Sie werden einmal pro Woche unter die Haut gespritzt, dämpfen den Appetit, verlängern das Sättigungsgefühl und verlangsamen die Magenentleerung. Ursprünglich wurden sie für Diabetes entwickelt.

Wichtig vorab: Die Abnehmspritze ist ein verschreibungspflichtiges Medikament. Ob sie für dich infrage kommt, in welcher Dosis und wie lange, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Dieser Artikel ersetzt keine Beratung, sondern erklärt, was Studien zeigen und was du selbst beitragen kannst.

Wie gut wirkt die Abnehmspritze?

Die wichtigste Studie ist STEP 1 mit 1.961 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes. Alle bekamen zusätzlich eine Lebensstilberatung.

Ergebnis nach 68 Wochen Semaglutid Placebo
Gewichtsverlust im Schnitt −14,9 % (−15,3 kg) −2,4 % (−2,6 kg)
Mindestens 10 % abgenommen 69 % der Teilnehmenden 12 %
Mindestens 15 % abgenommen 51 % der Teilnehmenden 5 %

Auch Risikofaktoren für Herz und Stoffwechsel und die selbst eingeschätzte körperliche Belastbarkeit verbesserten sich. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit und Durchfall, meist vorübergehend und leicht bis mittelschwer.

Was passiert nach dem Absetzen?

Hier liegt die große Herausforderung. In einer Folgestudie wurden 327 Teilnehmende aus STEP 1 ein Jahr lang begleitet, nachdem Medikament und Lebensstilberatung beendet waren. Sie hatten zuvor im Schnitt 17,3 Prozent abgenommen. Ein Jahr später hatten sie rund zwei Drittel davon wieder zugenommen. Unterm Strich blieben 5,6 Prozent Gewichtsverlust. Auch Blutdruck, Blutzucker und Blutfette verschlechterten sich wieder in Richtung Ausgangswert.

Eine zweite Studie, STEP 4, zeigte dasselbe von der anderen Seite: Nach 20 Wochen mit Semaglutid wurde ein Teil der Teilnehmenden unbemerkt auf ein Placebo umgestellt. Wer weiter spritzte, nahm in den folgenden 48 Wochen noch einmal 7,9 Prozent ab. Wer auf Placebo wechselte, nahm 6,9 Prozent wieder zu.

Die Forschenden ziehen daraus den Schluss, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die oft eine dauerhafte Behandlung braucht. Für dich heißt das: Die Spritze wirkt, solange sie genommen wird. Was danach bleibt, hängt stark davon ab, was sich in der Zwischenzeit verändert hat.

Warum kommt das Gewicht zurück?

Der Körper verteidigt sein früheres Gewicht. Nach dem Absetzen kehrt der Appetit zurück, und der Energieverbrauch ist nach starkem Gewichtsverlust oft niedriger als vorher. Dazu kommt ein Faktor, den die Epigenetik erst in den letzten Jahren sichtbar gemacht hat.

Haben Fettzellen ein Gedächtnis?

Eine Studie in der Fachzeitschrift Nature untersuchte 2024 Fettgewebe von Menschen vor und nach starkem Gewichtsverlust durch eine Magenoperation. Viele Veränderungen der Genaktivität, die das Übergewicht in den Zellen ausgelöst hatte, blieben auch nach dem Abnehmen bestehen. Bei Mäusen konnten die Forschenden zeigen, dass dahinter stabile epigenetische Veränderungen in den Fettzellen stecken. Mäuse mit diesem „Übergewichts-Gedächtnis“ nahmen bei fettreichem Futter schneller wieder zu als Tiere ohne diese Vorgeschichte.

Ob diese Erkenntnisse genau so auf Menschen übertragbar sind, ist noch offen. Sie liefern aber eine plausible Erklärung, warum Jo-Jo-Effekte so hartnäckig sind. Wie Übergewicht und Epigenetik insgesamt zusammenhängen, liest du in Abnehmen mit Epigenetik.

Verändert die Spritze selbst die Epigenetik?

Dazu gibt es bisher kaum belastbare Daten. Bekannt ist, dass Übergewicht und Typ-2-Diabetes mit veränderten epigenetischen Mustern in Fettgewebe, Muskel und Leber einhergehen und dass Gewichtsverlust einen Teil davon zurückdreht. Ob die Abnehmspritze darüber hinaus eigene Effekte hat, muss die Forschung erst zeigen.

Verliert man mit der Abnehmspritze Muskeln?

Bei jedem starken Gewichtsverlust geht nicht nur Fett verloren, sondern auch fettfreie Masse. Dazu zählen Muskeln, aber auch Wasser, Organe und Knochen. Eine Übersichtsarbeit fand in Studien mit GLP-1-Medikamenten große Unterschiede: Je nach Studie machte die fettfreie Masse zwischen etwa 15 und 60 Prozent des Gewichtsverlusts aus. Bildgebende Studien deuten darauf hin, dass die Muskelqualität sich teilweise sogar verbessert, weil weniger Fett im Muskel eingelagert ist. Bei älteren Menschen ist ein Muskelverlust aber besonders ungünstig, weil er Kraft und Selbstständigkeit kostet.

Muskeln sind dein wichtigster Verbündeter für einen stabilen Stoffwechsel. Und sie haben ebenfalls ein Gedächtnis: Eine Studie zeigte, dass Muskeln epigenetische Spuren früheren Krafttrainings behalten und beim erneuten Training schneller wachsen. Jede Trainingseinheit während der Behandlung ist also eine Investition, die bleibt.

Was hilft, den Erfolg zu halten?

Eine dänische Studie hat genau das untersucht. 195 Erwachsene mit Adipositas nahmen zunächst mit einer kalorienarmen Diät im Schnitt 13,1 Kilogramm ab. Danach folgten sie ein Jahr lang einer von vier Strategien:

Strategie Gewicht gegenüber Placebo Körperfettanteil gegenüber Placebo
Training −4,1 kg −1,7 Prozentpunkte
GLP-1-Medikament (Liraglutid) −6,8 kg −1,9 Prozentpunkte
Training und Medikament −9,5 kg −3,9 Prozentpunkte

Die Kombination senkte den Körperfettanteil etwa doppelt so stark wie jede Strategie allein. Nur sie verbesserte auch den Langzeitblutzucker, die Insulinempfindlichkeit und die Ausdauerfitness. Das Medikament in dieser Studie war ein Vorgänger der heutigen Abnehmspritzen, das Prinzip lässt sich aber gut übertragen.

Was kannst du während der Behandlung tun?

  1. Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche. Es ist der stärkste Reiz, um Muskeln zu erhalten. Wie du startest, liest du in Krafttraining für Longevity.
  2. Ausdauer dazu. Zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen verbessern Fitness und Blutzucker.
  3. Ausreichend Eiweiß. Gerade bei kleinem Appetit ist es wichtig, bei jeder Mahlzeit eine gute Eiweißquelle einzuplanen. Für ältere Erwachsene empfehlen Fachgesellschaften mehr Eiweiß als für Jüngere. Wie viel für dich passt, klärst du am besten mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer Ernährungsfachkraft, vor allem bei Nierenerkrankungen.
  4. Ballaststoffe und Pflanzenvielfalt. Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorn sättigen und unterstützen den Stoffwechsel. Ideen findest du in Epigenetische Ernährung.
  5. Schlaf und Stress im Blick. Zu wenig Schlaf und Dauerstress steigern den Appetit, genau dann, wenn die Wirkung der Spritze nachlässt. Was gegen Dauerstress hilft, liest du in Cortisol senken.
  6. Absetzen planen. Sprich frühzeitig mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, wie es nach der Behandlung weitergeht. Ein abruptes Ende ohne neue Gewohnheiten ist das größte Risiko für den Jo-Jo-Effekt.

Fazit

Die Abnehmspritze gehört zu den wirksamsten Mitteln zum Abnehmen, die es bisher gibt. Sie wirkt aber vor allem, solange sie genommen wird: Nach dem Absetzen kehrt ein Großteil des Gewichts oft zurück. Ein Grund könnte das epigenetische Gedächtnis der Fettzellen sein. Ein Teil des verlorenen Gewichts ist fettfreie Masse, darunter Muskeln. Eine Studie zeigt, dass die Kombination aus Medikament und Training die besten Ergebnisse bringt. Nutze die Zeit der Behandlung deshalb, um Muskeln aufzubauen und Gewohnheiten zu verankern, die auch ohne Spritze tragen.

Häufige Fragen

Was ist die Abnehmspritze?

Umgangssprachlich sind Medikamente gemeint, die einmal pro Woche unter die Haut gespritzt werden und wie das Darmhormon GLP-1 wirken, etwa mit dem Wirkstoff Semaglutid oder Tirzepatid. Sie dämpfen den Appetit und verlangsamen die Magenentleerung. Sie sind verschreibungspflichtig.

Wie viel nimmt man mit der Abnehmspritze ab?

In der STEP-1-Studie mit fast 2.000 Erwachsenen verloren die Teilnehmenden mit Semaglutid und Lebensstilberatung über 68 Wochen im Schnitt 14,9 Prozent ihres Körpergewichts, mit Placebo 2,4 Prozent. Die Ergebnisse schwanken individuell stark.

Was passiert, wenn man die Abnehmspritze absetzt?

In einer Folgestudie nahmen die Teilnehmenden im Jahr nach dem Absetzen rund zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zu. Auch Blutdruck, Blutzucker und Blutfette verschlechterten sich wieder in Richtung Ausgangswert.

Baut die Abnehmspritze Muskeln ab?

Mit jedem starken Gewichtsverlust geht auch fettfreie Masse verloren, zu der Muskeln, aber auch Wasser und Organe zählen. In Studien lag ihr Anteil am Gewichtsverlust zwischen etwa 15 und 60 Prozent. Krafttraining und ausreichend Eiweiß helfen, Muskeln zu erhalten.

Verändert die Abnehmspritze die Gene?

Die Gene selbst nicht. Ob die Spritze epigenetische Muster direkt verändert, ist kaum untersucht. Bekannt ist, dass Übergewicht epigenetische Spuren im Fettgewebe hinterlässt, die auch nach dem Abnehmen teilweise bleiben.

Wie verhindere ich den Jo-Jo-Effekt nach der Abnehmspritze?

Entscheidend sind Gewohnheiten, die schon während der Behandlung aufgebaut werden: regelmäßiges Training, vor allem Krafttraining, ausreichend Eiweiß, eine ballaststoffreiche Ernährung und guter Schlaf. Ob und wie die Spritze abgesetzt oder reduziert wird, besprichst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Quellen

  1. Wilding J. P. H. et al. (2021): Once-weekly semaglutide in adults with overweight or obesity. New England Journal of Medicine 384(11): 989–1002. doi:10.1056/NEJMoa2032183
  2. Wilding J. P. H. et al. (2022): Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide: The STEP 1 trial extension. Diabetes, Obesity and Metabolism 24(8): 1553–1564. doi:10.1111/dom.14725
  3. Rubino D. et al. (2021): Effect of continued weekly subcutaneous semaglutide vs placebo on weight loss maintenance in adults with overweight or obesity: The STEP 4 randomized clinical trial. JAMA 325(14): 1414–1425. doi:10.1001/jama.2021.3224
  4. Lundgren J. R. et al. (2021): Healthy weight loss maintenance with exercise, liraglutide, or both combined. New England Journal of Medicine 384(18): 1719–1730. doi:10.1056/NEJMoa2028198
  5. Hinte L. C. et al. (2024): Adipose tissue retains an epigenetic memory of obesity after weight loss. Nature 636: 457–465. doi:10.1038/s41586-024-08165-7
  6. Neeland I. J., Linge J., Birkenfeld A. L. (2024): Changes in lean body mass with glucagon-like peptide-1-based therapies and mitigation strategies. Diabetes, Obesity and Metabolism 26(Suppl 4): 16–27. doi:10.1111/dom.15728
  7. Seaborne R. A. et al. (2018): Human skeletal muscle possesses an epigenetic memory of hypertrophy. Scientific Reports 8: 1898. doi:10.1038/s41598-018-20287-3
  8. Ling C., Rönn T. (2019): Epigenetics in human obesity and type 2 diabetes. Cell Metabolism 29(5): 1028–1044. doi:10.1016/j.cmet.2019.03.009
  9. Bauer J. et al. (2013): Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people: a position paper from the PROT-AGE Study Group. Journal of the American Medical Directors Association 14(8): 542–559. doi:10.1016/j.jamda.2013.05.021
  10. Morton R. W. et al. (2018): A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. British Journal of Sports Medicine 52(6): 376–384. doi:10.1136/bjsports-2017-097608

Fachlich geprüft von Alice Werner am . Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Sprich bei Beschwerden oder vor größeren Veränderungen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

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